Wie sind neue Medien und Inklusion vereinbar?

Sowohl das Thema Inklusion, als auch das Thema der Einbeziehung neuer Medien in den Schulunterricht ist brandaktuell. Über beide Themen wurde viel diskutiert und Vor- und Nachteile abgewägt. Doch wie lässt sich eine mögliche Vereinbarung der Nutzung neuer Medien und Inklusion in der Schule realisieren?
Inklusion in der Schule bedeutet vor allem die Vielfältigkeit einer Klasse wertzuschätzen. Homogene oder separierende Lerngruppen gehören der Vergangenheit an, da alle Schüler gemeinsam von Anfang an zusammen lernen und arbeiten. „Alle“ Schüler bedeutet, dass nicht nur keine Differenzierungen hinsichtlich der geistig oder körperlichen Behinderungen einiger Kinder gemacht werden, sondern auch, dass jedes Individuum akzeptiert wird und gleichberechtigt ist, unabhängig von Geschlecht, Alter oder Herkunft, von Religionszugehörigkeit oder Bildung. Wichtig ist, dass die Schulen für z.B. behinderte Schüler ausgestattet sind, sodass diese den bestmöglichen Lernerfolg erzielen können. Nicht die Schüler müssen sich an Gegebenheiten in der Schule anpassen, sondern die Schule sollte sich auf ihre individuellen Schüler einstellen. Aus diesem Grund hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen im Jahr 2001 beschlossen, ein umfassendes internationales Übereinkommen zu entwickeln. Die „UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ inklusive Zusatzprotokoll wird 2006 von der UN-Generalversammlung verabschiedet. In dieser Konvention wird festgelegt, dass gesellschaftliche Teilhabe ein Menschenrecht ist, das ohne Einschränkungen auch für behinderte Menschen gilt. Dabei werden sämtliche Lebensbereiche, von der Arbeit über Bildung, Gesundheit und Pflege, persönliche Mobilität, Wohnens bis hin zur politischen Teilhabe erfasst. Im Mittelpunkt steht der Gedanke der Inklusion, wonach Menschen mit Behinderungen von Anfang an und in allen Lebensbereichen an der Gesellschaft teilhaben sollen.
Die Realität sieht leider häufig anders aus. Viele Schulen sind noch nicht barrierefrei. Barrierefreiheit bedeutet nicht nur, dass z.B. ein Rollstuhlfahrer in die Schule gelangen kann, sondern auch Barrierefreiheit hinsichtlich der Lehr- und Lernangebote für alle Schüler. Wenn neue Medien, wie z.B. Lernplattformen, Wikis, Blogs etc. im Schulunterricht eingesetzt werden sollen, muss darauf geachtet werden, dass sie für alle Schüler, ob mit Behinderungen oder ohne, zugänglich sind. Ist das überhaupt umsetzbar?
Die Medienbildung kann auch behinderten Schülern zusätzliche Erfahrungs- und Kommunikationsmöglichkeiten erschließen, wodurch die Selbstbestimmtheit zunimmt und benachteiligende Faktoren in der Gesellschaft zurückgedrängt werden können. Der Medieneinsatz sowohl in Förderschulen, als auch in Inklusionsklassen bezieht sich größtenteils auf das Internet. Lernschwache oder behinderte Schüler können Funktionen, wie die Vorlesefunktion einer Lernplattform nutzen. Außerdem schätzen sie die Anonymität des Internets und können sich dadurch in z.B. Blogs freier entfalten, als im regulären Unterricht. In der Medienbildung geht es darum die Schüler, ob mit oder ohne Beeinträchtigungen, da abzuholen, wo sie stehen und an ihren individuellen Ressourcen anzusetzen. „Besonders häufig werden im Medienbereich assistive Technologien eingesetzt, die den Bedürfnissen der Menschen mit Handicap entgegenkommen: Screenreader, die den Bildschirminhalt vorlesen, oder komplett barrierefreie Internetplattformen mit E-Learning-Angeboten in einfacher Sprache. Daneben kommt den Medien ein hoher Stellenwert bei der Bewusstseinsbildung für die Belange Benachteiligter zu.“ (Vgl.https://www.mebis.bayern.de/bildung/padagogik/medienbildung-und-inklusion/?paget=beitrag-der-medienpaedagogik )
Es gibt viele sichtbare und nicht sichtbare Einschränkungen bei Schülern. Offensichtlich sichtbar sind z.B. das Downsyndrom, Spasmen, Beeinträchtigungen des Bewegungsapperates oder Blindheit. Weniger sichtbar sind hingegen z.B. Aufmerksamkeitsstörungen, Dyskalkulie oder Lese- Rechtschreibschwäche. Aufgrund dieser verschiedenen Einschränkungen muss sich der Lehrer bei der Arbeit mit neuen Medien immer individuell auf seine Schüler einstellen. Mit Gehörlosen könnte man an digitalen Fotobüchern der Gestaltung eines Fotoromans oder Stummfilm arbeiten. Das Produzieren eines Filmes ohne Ton eröffnet auch für die hörenden Schüler neue Möglichkeiten. Sie erhalten einen Einblick in die Welt eines Nichthörenden und können ihn evtll. besser verstehen und nachvollziehen, wie er sein Leben meistert, wodurch Behinderte integriert werden. Bei geistig behinderten Schülern oder kognitiver Rückständigkeit kommen grundsätzlich alle neuen Medien in Frage. Die Schüler könnten sich gegenseitig unterstützen, falls bei einigen Verständnisschwierigkeiten auftreten.
Bei E-Learning Programmen ist es wichtig zu beachten, dass Informationen oder Inhalte vielfältige Darstellungsweisen, wie z.B. Grafiken, Audio oder Text, benötigen, sodass sie für alle Schüler zugänglich sind. Mögliche sprachliche, mathematische oder symbolische Hürden sollten durch eine Unterstützungsfunktion des Programms geklärt werden. Das Blended-Learning, welches sich durch Präsensphasen in der Schule und Online-Absenzphasen auszeichnet, eignet sich gut für die Arbeit in einer Klasse mit sehr unterschiedlichen Lern- und Wissensniveaus. Jeder Schüler kann in seinem individuellen Tempo lernen und arbeiten. Davon profitieren vor allem sehr lernstarke und sehr lernschwache Schüler. So kann jeder Schüler gemäß der inklusiven Bildung hinsichtlich seiner Bedürfnisse individuell gefördert werden.
Meiner Meinung nach sollten Inklusion und neue Medien aufgrund der genannten Vorteile vereinbart werden. Natürlich ist mir bewusst, dass man als Lehrer eine menge Arbeit investieren muss, um den Schülern z.B. eine Lernplattform oder einen Blog zu erklären. Ich denke aber, dass sich dieser Aufwand lohnt und wirklich alle Schüler, ob mit oder ohne Behinderungen vom Einsatz neuer Medien im Unterricht profitieren können, weil diese das individuelle selbstbestimmte Lernen fördern.

 

Quellen:
Avci-Werning, Meltem/ Lanphen, Judith: Inklusion und kooperatives Lernen. In: Werning, Rolf: Inklusion, Kooperation und Unterricht entwickeln. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2013. S. 150-175.
Bosse, Ingo: Medienbildung im Zeitalter der Inklusion. Wuppertal 2012.
Voß, Lena: Die Konzepte „Kompetenzzentren für sonderpädagogische Förderung“ und „Regionale Integrationskonzepte“ als Wegbegleiter für Inklusion. In: Werning, Rolf: Inklusion, Kooperation und Unterricht entwickeln. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2013. S. 63-86.
https://www.mebis.bayern.de/bildung/padagogik/medienbildung-und-inklusion/ (Stand: 29.09.2014)

 

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